Dornröschenschlaf, Einsamkeit und sekundärer Krankheitsgewinn

Dornröschenschlaf

Ein ganzes Jahr keine Regung hier im Blog. Kein Posting, kein Kommentar, kein Garnichts. Es ist Pandemie, ich hatte genug anderes zu tun und es ist in der Kopfschmerzwelt derzeit auch tatsächlich (hoffentlich verdächtig) ruhig. Zwar bin ich ganz sicher nicht mehr so intensiv mit dem Ohr am Puls der Zeit, aber wohl doch noch so, dass ich von neuen Erkenntnissen, Medikamenten und/oder Verfahren etwas mitbekommen würde. Aber da war einfach nichts. Nicht in der Clusterwelt und auch nicht im Migräneuniversum. Im Magazin der CSG stand wirklich seit einem Jahr nichts mehr, dass für einen erfahrenen Patienten wichtig oder auch nur interessant gewesen wäre. Das klingt ein wenig schroff, aber die CSG kann ja nichts dafür, wenn nichts passiert über das man berichten müsste. Auch auf dem Migraine Summit wurden letztlich nur die gleichen Steine umgedreht. Ok. Pause darf auch mal sein.

Niemals schlafen tun natürlich die Social Media Plattformen. Auf denen ich ganz absichtlich nicht aktiv bin. Andere aber. Zum Glück. Damit dieses Feld nicht ganz den Heilsversprechenden Altasverbiegern überlassen wird. Dort sind mir neulich zwei Themen begegnet, zu denen ich gerne etwas sagen möchte.

Einsamkeit

Sabrina von Unwetter im Kopf hat zum einen inzwischen unfassbare 139 Folgen ihres Podcasts produziert und auf Instagram neulich einen Beitrag zum Thema Einsamkeit gepostet. In Pandemiezeiten sind wir alle von Konktaktbeschränkungen mehr oder weniger gekennzeichnet und diese Einsamkeit könnte der einen oder dem anderen wiederfahren sein. Meine Gedanken dazu waren ein wenig Gegenläufig.

Ein von Migräniker*innen immer wieder geäußertes Problem ist die Planbarkeit des Lebens. Schon wieder einen Termin absagen müssen, nicht zu einer Geburtstagsfeier zu gehen oder ähnliche Konstellationen. Eine Migräne mischt sich zu gern in die Lebensplanung ein und macht sich damit unbeliebt. Und das dazu in mindestens doppeltem Sinne, denn auf der einen Seite ist sie ein durchaus ernsthafter und ernstzunehmender Hinderungsgrund, auf der anderen Seite klebt an ihr auf ewig der Duft der Ausrede. An der Stelle nochmals mein ewig währender stellvertretender Dank für den von Ireen Sheer in die Öffentlichkeit getragenen Song „Heute Abend hab ich Kopfweh“. Die Migräne wird nie eine wirklich erwachsene und anerkannte Krankheit wie vielleicht Parkinson, Epilepsie oder Multiple Sklerose werden. Vielleicht ändert sich das über Jahrzehnte und Generationen, aber sicherlich nicht mehr zu meiner Lebzeit.
Diese Einsamkeit ist nun für viele kein erstrebenswerter Status oder Umstand. Aber: Sie ist auch ein „Lösung“ für ein schlecht planbares Sozialleben. Zumindest in meiner Wahrnehmung bestand Sozialleben immer auch aus ungewollten Verpflichtungen. Diesen kann man seit geraumer Zeit mit einer anderen – akzeptierteren – Begründung fernbleiben. Und zumindest für mich bleibt der Kopf seitdem ruhiger. Da dieses „Experiment“ nun schon eine recht anständige Laufzeit hat, ziehe ich daraus für mich folgende Erkenntnis: Sozialleben gehört auf die Liste der Trigger.
Das gilt- wie bei Triggern üblich – garantiert nicht für jeden, und es gibt Menschen die genießen Sozialleben deutlich mehr als ich. Auf der anderen Seite bin ich möglicherweise kein so absonderlichen Sonderling und mit meiner Wahrnehmung auch nicht ganz allein und es gibt noch andere Menschen, die der Einsamkeit auch etwas positives abgewinnen können.

Etwas positives abgewinnen leitet recht gut zum dritten Punkt über.

Sekundärer Krankheitsgewinn

Migräne Superheldin Bianca wurde in einer Frage oder einem Kommentar auf Instagramm mit dem Begriff „sekundärer Kranksheitsgewinn“ konfrontiert. Die Frage regte ganz offenbar den Blutdruck an und es gibt eine sehr deutliche Antwort darauf. Ein klares NEIN.

Ich will ein bisschen Tiefer ins Thema. Denn ich sehe das anders, allerdings passt der Begriff nicht.

Den sekundären Krankheitsgewinn scheint es tatsächlich als Begrifflichkeit zu geben. Vornehmlich im Umfeld psychatrischer Erkankungen. Platt gesagt kann es sein, dass einem z.B. die gesteigerte Aufmerksamkeit gefällt, welche einem zuteil wird.
Nun weiss ich nich wie nah die Frage an der üblichen Verwendung des Begriffs liegt. Ich selber hatte den Begriff nämlich bis dahin noch nie gehört und die Frage daher ursprünglich etwas anders verstanden. Die Migräne hat, ganz im Gegensatz zum Clusterkopfschmerz, durchaus ihre positiven Seiten – die man halt auch als sekundären Krankheitsgewinn sehen oder darstellen könnte. Allerdings nicht entsprechend der Verwendung die ich in der Literatur gefunden habe.
Bianca bezeichnet es als Superkraft mit einer Migräne umzugehen und zu leben, da diese einem halt sehr oft im Weg steht und jede Migränikerin und jeder Migräniker mit seinen Strategien oder nur durch pures aushalten unfassbares Leistet. Soweit kein Widerspruch.
Aber: Ich sehe die Migräne als dunkle Seite einer tatsächlichen Superkraft. Aus der Praxis, jahrelangen Beobachtungen und auch offenen Fragerunden in Betroffenenkreisen – damals, als es noch Selbsthilfegruppen in Präsenz gab: Eine Migränikerin sieht dich. Quer durch den Supermarkt, auf der anderen Strassenseite oder auf dem Volksfest deiner Wahl. Andere Menschen fahren dich mit ihrem Einkaufswagen über den Haufen, weil ihre Scheuklappen nur den Blick auf die Regale zulassen – Sie nehmen andere Menschen im Laden gar nicht war. Das wirkt wie ein banale Alltäglichkeit, Aber ich habe viele Migränmenschen danach gefragt und es eben auch immer wieder beobachtet. Die einen kriegen auch noch alles im Augenwinkel mit, andere können Scheuklappen aufziehen. Ich mag nicht gern auf die Kirmes gehen, weil ich mitbekomme, dass sich die Musik von mehreren umgebenden Karussells überlagert. Andere Menschen können auch das ausblenden. Diese weichzeichnerfreie Wahrnehmung halte ich für eine Superkraft ohne die ich meistens nicht leben möchte bzw. mir das kaum vorstellen kann. Der Preis für ein zuviel an Reizen ist dann die Migräneattacke – die dunkle Seite der Superkraft. Advantage Migraine!

Rafael Verfasst von:

Radfahrer, Bestsellerautor, Blogger und Yogi. Aber auch Besserwisser, Klugscheisser, Korinthenkacker, Haarspalter und Goldwaagenbesitzer. Darüber hinaus noch diplomierter Lippemüllsammler und auch sonst eher Idealist.

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