Reha Nr.3

Ein Buch über Kopfschmerzen zu schreiben, schützt einen leider nicht davor, wieder welche zu bekommen. Und wieder, und wieder, und wieder …
Im letzten Herbst war es für mich nach anderthalbjähriger Remission wieder einmal so weit. Eine Episode kündigte sich an. Erst eine versprengte Attacke, dann zwei oder drei Wochen später eine Weitere. Dann wöchentlich, mehrfach in der Woche, täglich, mehrfach am Tag.
Ich hatte schon immer diesen sich steigernden Verlauf. Wegen dem meine Episoden, wenn ich wirklich von der ersten bis zur letzten Attacke zähle, immer über mehrere Monate laufen. Dann sie sind auch nicht einfach so zu Ende, sondern klingen in gleicher Form raus.
Nun hatte ich nach vier Jahren bei der DRV Bund erneut einen Antrag auf Leistungen zur medizinischen Rehabilitation (stationär) gestellt – Landläufig noch immer Kur genannt. G0100 nennt sich das Formular dafür. Kann man auch Online stellen. Das kann ich jedoch nicht empfehlen.
Denn dieser online gestellte Antrag kam einen Monat später ausgedruckt per Post bei mir an, um ihn unterschrieben wieder zurückzuschicken. So funktioniert Digitalisierung nicht wirklich.
Am Ende wurde mir eine Reha bewilligt, jedoch in einer nicht von mir favoritisieren Einrichtung. Erfahrungsgemäß machen sich Sachbearbeiter das Leben gern mal einfach und weisen vielleicht einfach dort zu, wo gerade Platz ist. Und nicht dort, wo die Indikation passt. Ein entsprechender Widerspruch wurde tatsächlich erhört und ich bekam die Reha in der von mir gewünschten Einrichtung genehmigt. Diese ist im übrigen eine psychosomatische Einrichtung. Obwohl ich als Clusterkopfschmerz & Migräne-Patient auch in einer neurologischen unterkommen könnte. Damit habe ich allerdings keine guten Erfahrungen gemacht. Die möchten sich möglicherweise unqualifiziert in die Therapie und Medikation einmischen. In der Psychosomatik habe ich die Erfahrung gemacht, das sie sich aus diesem für sie unbekannten Feld komplett raushalten. Das war und ist mir deutlich lieber so. Dafür habe ich meine Neurologin. Die hat aber leider keine Zeit mit mir spazieren zu gehen.
Durch diesen Vorlauf verschob sich leider der Termin immer weiter nach hinten. Inzwischen waren wir im November. Ich wäre gern gern im Sommer gefahren. Dank des „beschleunigten“ (Online-)Verfahrens lag der zugewiesene Termin jedoch nun in der dunklen Jahreszeit und mir kam auch noch die beginnende Episode in die Quere. In der Episode halte ich eine Reha nicht für Sinnvoll.
Was tun? Ich wollte fahren, nur nicht jetzt.
Frag doch einfach mal, ob du die Reha verschieben kannst. Auf die höfliche Frage bekam ich tatsächlich einfach so im Januar einen Termin für Ende Juni mitgeteilt und zugewiesen. Damit kann dann auch der Arbeitgeber planen. Fahre ich halt ein Jahr später.
Klingt alles irgendwie kompliziert, war aber letztlich den Umständen geschuldet und die Änderungen von Ort und Zeit waren letztlich zwei Briefe. Mehr nicht.
Pures Glück hatte ich indes damit, das die Episode bis zum Sommer wirklich beendet war. Aber dieses Pokerspiel musste ich eingehen und konnte es in keinem Fall irgendeinem Sachbearbeiter überlassen, sondern dem Zufall mit der Unterstützung von Kollege Hoffnung.
Lange Rede, kurzer Sinn. Ich bin nicht einmal 50 Jahre alt und habe jetzt meine dritte Reha hinter mir. Dieses mal habe ich wenig neues gelernt, wurde aber in vielem bestätigt.
Ich war, bin und bleibe ganz klar „pro Reha“. Aber der Ansatz muss stimmen.
Wer hier eine Behandlung im Sinne einer Therapieanpassung oder Therapieverbesserung erwartet, der wird wahrscheinlich enttäuscht. Es gibt in Deutschland keine Rehabilitationseinrichtung, die sich die Indikation Clusterkopfschmerz auf die Fahnen geschrieben hat und damit wohl auch tatsächlich keine, die mit entsprechendem Fachwissen ausgestattet ist. Ich selber habe zumindest nie eine gesehen oder habe davon gehört. Darüber hinaus schadet es nicht, sich des Unterschieds zwischen einer Akutklinik und einer Rehaklinik bewusst zu sein. Eine Reha bewirkt keine Wunder und eine Rehaklinik ist kein Paradies. Aber so eine Reha ist eine wunderbare Auszeit. Dein Zimmer wird gereinigt und drei mal am Tag gibt es etwas zu essen. Fast wie im Urlaub. Fast!
Die Anwendungen sind kein Urlaub. Und am Ende einer anständigen Reha solltest du recht genau wissen, was alles in deinem Leben nicht stimmt. Das kann durchaus mehr sein, als du zuvor gedacht hast. Etwas Spooky.
Ein weiterer Effekt, den ich zuvor nicht so kannte ist die Entfremdung des Hauses ab Woche 4. Ich war in meinen ersten beiden Rehas nur jeweils drei Wochen vor Ort und damit kürzer als die meisten anderen Patienten. Damit blieben viele Gesichter von meiner Anreise bis zur Abreise. In der dritten Auflage war ich fünf Wochen in der Klinik. So lang wie die meisten anderen Patienten auch. Das bedeutet, das ab Woche 4 fast alle Gesichter verschwunden sind, welche die Klink bei Anreise bevölkert haben.
Ich bin mir nicht sicher, ob das irgendeinen Einfluss hat. Den Effekt fand ich jedenfalls Interessant. Auf der einen Seite wird die Klink nach der Zeit langsam zu einem Zuhause, und gleichzeitig entfremdet sie sich, da die Gesichter wieder fremder werden.
Auf einem Bahnsteig kannst du das im Zeitraffer erleben, wenn du etwas länger auf einen Zug warten musst. Quasi mit jedem Zug wechseln die Gesichter auf dem Bahnsteig.
Inzwischen gelte ich als therapieerfahrener Patient und so gab es vor Ort wenig wirklich Überraschendes. Reha-Programme ähneln sich sehr und nähern sich dem an, was ich zuerst im Zusammenhang mit MBSR, der achtsamkeitsbasierten Stressreduktion im Rahmen einer multimodalen Schmerztherapie kennengelernt habe. Purer Pragmatismus. Denn das funktioniert quasi für und bei vielen Krankheits- und Beschwerdebildern gleich. Denn Reha ist größtenteils Gruppe. Gespräche? Gruppe! Bewegung? Gruppe! Das ist Ökonomisch aber auch gut so. Wer etwas andere möchte, kann sich je nach Beschwerden in Physio- oder Psychotherapie begeben. Wobei manche Physios ganz nebenbei auch hervorragende Psychotherapie machen. Ob das Umgekehrt auch geht, weiss ich nicht. Mein Effektivstes Gespräch vor Ort fand jedenfalls mit einer Physiotherapeutin statt und war an der Stelle überhaupt nicht geplant.
Neu war für mich, das es inzwischen Nachsorgeprogramme gibt. Auch Gruppe. Du triffst dich mit anderen, die auch gerade aus einer Reha kommen und kannst dir gegenseitig erzählen wie die Rückkehr in den Alltag funktioniert. Sehr coole und sinnvolle Option, wie ich finde. Man kann nicht immer alles von Menschen mit völlig anderen Beschwerden adaptieren, aber dafür sind auch manchmal vollkommen frische Gedanken dabei.
Neben dem verordneten Bewegungs- und Gesprächsprogramm vor Ort gibt es zwei Dinge, die in meinen Augen für einen positiven Effekt Sorgen. Das ist die Zeit, die man einfach mal für sich hat, weil man weit weg von allem ist und sich so üblicherweise gar nicht um seinen Alltag kümmern kann. Wie man diese nutzt, muss jede für sich wissen und entscheiden. Da gibt es sicherlich keinen Königsweg. Ob stapelweise Bücher lesen, etwas mit den Mitpatienten unternehmen oder alle Sehenswürdigkeiten der Umgebung abklappern – alles kann, nichts muss. Und es sind die Mitpatienten selbst. Und das auf zwei Ebenen. Niemand ist ohne Grund in einer Reha und jeder nimmt jeden Ernst. Mitgefühl ohne Mitleid und erstaunlich wenig dumme Ratschläge (Hast du mal xyz probiert? Die neusten Tipps aus der Bäckerblume.). Das ist sehr Angenehm. Dazu trifft du immer Menschen die haben eine Last zu tragen, die findest du viel schlimmer als deine eigene. Und zack – das macht es irgendwie einfacher. Vollkommen faszinierend ist, das das gegenseitig funktioniert. Mindestens eine Triple-Win-Situation. Du musst Kranke nur zusammenbringen, damit es ihnen besser geht. Weil jeder froh ist, das er nicht alles hat, was man so haben könnte.
Für mich war diese Reha jedoch leider trotzdem kein voller Erfolg, da sie von degenerativen Veränderungen orthopädischer Natur überschattet wurde. Speziell mein linkes Knie schmerzt auf dem Rad unter Last, so das ich diesbezüglich ein Sparprogramm fahren musste und deutlich weniger erreicht habe, als ursprünglich erhofft und vorgenommen. Ein mutmaßlicher Knorpelschaden dämpft mein Laune zwar deutlich, aber diesen kann ich der Klinik und der Reha nicht zur Last legen.
Je nachdem, wie das verläuft und was da auf mich wartet, könnte mein nächste Reha auch eine orthopädische werden. Einen regulären Antrag auf Basis meiner Kopfschmerzproblematiken werde ich jedenfalls in knapp 4 Jahren erneut stellen.
Pro Reha!

Rafael Verfasst von:

Radfahrer, Bestsellerautor, Blogger und Yogi. Aber auch Besserwisser, Klugscheisser, Korinthenkacker, Haarspalter und Goldwaagenbesitzer. Darüber hinaus noch diplomierter Lippemüllsammler und auch sonst eher Idealist.

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