Kleiner Pieks, große Wirkung?

Nach anderthalb Jahren war es für mich soweit.
Im April 2017 hatte Dr. Bauer vom St. Rochus-Hospital in Castrop-Rauxel auf dem Bochumer Clusterkopfschmerztag von seiner verfeinerten Methodik der GON-Blockade berichten. Ich hatte über die GON-Blockade ursprünglich keine besonders gute Meinung. Die sich aber durch die simple Idee der genauen Lokalisierung per Ultraschall deutlich geändert hat. Details dazu und was die anderen Referenten zu berichten hatten könnt ihr weiterhin im damaligen Post nachlesen. Die GON-Blockade an sich ist die Injektion eines Cocktails aus einem Lokalanästhetikums und einem Steroid (Kortison) direkt an dem großen Okzipitalnerv. Der Trick dabei ist – kurz gesagt – möglichst genau zu treffen. Dazu wird nicht einfach so mit Fingerspitzengefühl in den Hinterkopf gestochen, sondern die entsprechende Stelle mit einem simplen Ultraschallgerät überhaupt erst lokalisiert.
Das klingt simpel, und ist es in der Tat auch.
Als ich damals dem Vortrag von Dr. Bauer lauschte, war ich schnell überzeugt, das bei der „nächsten Runde“ zu probieren. Zum einen, weil die Erfahrungen gut sind, die Optimierung der Methode überzeugend plausibel klingt und zum anderen auch, weil das ganze für mich ein totales Heimspiel ist.
Wann hat man schon mal das Glück, das die einzige Klinik weit und breit, die eine spezielle Behandlung anbietet, nur drei Steinwürfe entfernt liegt?
Vor zwei Wochen war es nun so weit den seinerzeit nicht direkt vor Ort im Hörsaal des Bergmannsheil gefassten Vorsatz umzusetzen. Der dazu nötige Vorlauf gestaltete sich geradezu grotesk einfach, gemessen an den Ärzteodysseen die ich selbst in der Vergangenheit hinter mich bringen musste, und von denen ich heute immer noch lesen muss.
Den Therapiewunsch hatte ich zwischenzeitlich längst mit meiner behandelnden Neurologin abgesprochen, so das eine kurze Email aus Auftakt reichte: „Es ist soweit. Ich will zu Dr. Bauer“
Zwei Tage später hatte ich eine entsprechende Überweisung in der Post. Mit der rief ich in Castrop an und stieß leider auf eine unerwartete Hürde. Dr. Bauer war im Urlaub. Abgesehen davon war man an dieser Stelle den Umgang mit Clusterpatienten gewohnt. Es brauchte keine unnötigen Erklärungen. Die Kommunikation war einfach und auf den Punkt. Sehr Entspannend! Wo man es gewohnt ist mit Clusterpatienten umzugehen braucht man nicht viel erklären und kriegt konkrete Fragen, die man auf den Punkt beantworten kann.
Nur der Termin lag aufgrund des ärztlichen Urlaubs leider nicht so nah wie erhofft. Der wurde mir aber danach schnellstmöglich eingeräumt. Und vor zweieinhalb Wochen war es dann so weit. Ich fuhr mit dem Rad zu einer Behandlung von der die Meisten nicht einmal etwas gehört haben.
Kurze Wartezeit, kurzes Vorgespräch, kleiner Fragebogen. Das übliche soweit.
Die Blockade selbst ist eine OP, findet aber im OP Wartebereich statt und um auf Eventualitäten vorbereitet zu sein bekomme ich professionell und vorsorglich einen venösen Zugang. Just in case – Reine Vorsichtsmaßnahme.
Die GON-Blockade ist genau so, wie ich mir es auch vorgestellt hatte. Ultraschall in der einen Hand, die Injektionsnadel in der anderen. Stelle suchen und Pieks! Dr. Bauer gibt sich sehr viel Mühe wirklich in die unmittelbare Nähe des großen Okzipitalnervs zu injizieren. Der Pieks selber ist in der Tat genau dadurch deutlich. „Fies“, sagte Dr. Bauer selber.
Das ist gut. Das muss so. Dann hat man nämlich gut getroffen.
Der Einstichschmerz ist zwar da, aber läppisch im Vergleich zu einer Attacke und auch nach kurzer Zeit schon vorbei. Ich habe nach 5 Minuten schon nichts mehr davon gespürt.
Wer noch üppiges Haupthaar hat, muss eventuell mit einer etwas längeren Wuschel, Wühl- und Lokalisierungsphase rechnen, weil die Einstichstelle durchaus über dem Haaransatz liegen kann. Glatzenträger sind hier im Vorteil.
Nach der Injektion verbleibt man, ebenfalls nur aus Sicherheitsgründen, noch für eine weitere gute halbe Stunde im Krankenhaus. Geht es einem gut, kann man nun das Krankenhaus verlassen.
Am nächsten Tag und in den beiden darauffolgenden Wochen gibt es noch ein telefonisches Monitoring.
So viel zu dem konkreten Ablauf der ultraschallgeführten GON-Blockade. Alles sehr einfach und unkompliziert. Die Nebenwirkungen durch die Blockade waren bei mir persönlich gleich Null.
Aber die wirkliche spannende Frage war ja auch eigentlich. „Wie werden die nächsten Tage?“
Das der Clusterpatient zumindest während einer Attacke auch Kerosin trinken würde, wenn das denn helfen würde, ist ja hinreichend bekannt.
Um es kurz zu machen. Die nächsten beiden Nächte durfte ich durchschlafen in der Folge etwa zwei von drei Nächten. Die Attacken Tagsüber haben noch deutlicher nachgelassen. Ich habe in der ersten Woche nur zwei Triptane (Zomig nasal) und in der vergangenen Woche gar keins benötigt. Alle nächtlichen Attacken ließen sich mit Sauerstoff gut kupieren.
Es ist nicht weg, aber Attackenzahl und auch deren Intensität gingen deutlich zurück.
Ich würde es wieder tun. bzw. Werde, sollte die Episode noch andauern. Wie lang so eine Injektion „vorhält“ kann nämlich niemand so genau sagen. Wenn ich von jetzt aber mal „worst case“ hochrechne, und ich in einer Episode alle zwei Wochen eine solche Blockade machen müsste, dann wäre ich dabei.

Eine Sache würde ich dabei allerdings anders machen.
Ich würde Kopfhörer und etwas zu lesen mitnehmen. Vor allem Kopfhörer! Noice-Cancelling Kopfhörer! Würde ich extra dafür kaufen!
Warum jetzt Kopfhörer?
Wegen dem Gepiepe!
Die Behandlung findet, wie erwähnt, ganz absichtlich im OP-Wartebereich statt. In unmittelbarer Nähe liegen mehrere Menschen an ihren Überwachungsmonitoren und Piepen um die Wette. Eine Piepophonie in Herzfrequenzen.
Piep, Piep, Piep, Piep-Piep, Piep …..
Für den Migränepatienten – der ich ja nun mal auch bin – ein Kopfschuss in Slow-Motion!
Ganz nebenbei ein Musterbeispiel für eine Reizüberflutung von der einige sagen: „Ach, das hörst du nach einer Weile gar nicht mehr.“ Andere können das eben nicht ausblenden. Und nach einer Weile bohrt sich jedes einzelne Piep wie ein kleiner Nadelstich ins Hirn und du sehnst dich nur noch nach absoluter Ruhe und dein Kopf dröhnt noch für Stunden nach.
Damit auch ein Musterbeispiel, das wirkliche Barrierefreiheit etwas mehr wäre als Rampen für Rollstuhlfahrer. Aber das ist ein anderes, für sich Abendfüllendes, Thema.

Dieses Verfahren an sich halt leider noch keine größeren Kreise gezogen. Aber im St. Rochus-Hospital in Castrop-Rauxel macht man das nun seit geraumer Zeit und mit guten Ergebnissen. Eine wirklich belastbare Studienlage gibt es jedoch nicht. Denn eigentlich müsste man auf dem Weg mal ganz nüchtern ermitteln, was genau man idealerweise überhaupt injiziert. Das ist bislang ein Cocktail von dem man in Castrop glaubt, das er so gut ist. Aber nicht weiss, ob das nicht noch besser ginge. Und dessen ist man sich auch bewusst.
Meine Einzelfallbeschreibung und -erfahrung bleibt auch nur genau das. Ein Einzelfall ist keine Studie. Auch wenn viele Einzelfälle oft die Grundlage für erfolgversprechende Studien bilden.

Rafael Verfasst von:

Radfahrer, Bestsellerautor, Blogger und Yogi. Aber auch Besserwisser, Klugscheisser, Korinthenkacker, Haarspalter und Goldwaagenbesitzer. Darüber hinaus noch diplomierter Lippemüllsammler und auch sonst eher Idealist.

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