Vom Holz zum Stock

Manchmal denke ich: „Ich mach das schon zu lang.“
Durch die Arbeit in der Selbsthilfe, dann ein Buch darüber zu schreiben und so am Ende die Erkrankung irgendwie auch noch zu einem Hobby machen. Es gibt schon Tage, an denen kommt mir das seltsam vor. An denen denke ich: „Du hast deinen Weg. Du hast gute Tage und du hast schlechte Tage. Du weisst, was an an den schlechten Tagen zu tun hast. Und an den guten auch – Leben!“
Aber so ganz komme ich aus der Sache nicht raus und erwische mich doch immer wieder mal dabei, mich auch an guten Tagen meinem nicht ganz freiwilligen Hobby zu widmen.
So ähnlich dachte ich auch neulich, als ich in einer Clusterkopfschmerzgruppe in einem größeren sozialen Netzwerk die Feststellung der Vermutung las, das Cluster eher „linksseitig“ sei. Gefolgt von der Frage, ob sich die Schmerzen rechts wohl anders anfühlen als links.
Ganz souverän dachte ich in dem Moment: „Hä?“
Zum einen ist die Vermutung der Linkslastigkeit aufgrund einiger Nachrichten in einem sozialen Netzwerk eine eher gewagte These. Das passiert aber leider. Da schreiben drei Leute hintereinander was von links, und – Zack – hast du links in deinen Hirnwindungen abgelegt. Und verrückterweise geht das da auch erstmal nicht wieder weg.
Ich lese sowas in diesen Netzen gar nicht. Also inhaltlich nicht. Ich bin da vorsichtig geworden. Denn auf der anderen Seite sitzen Menschen die ich nicht kenne – jetzt bin ich ketzerisch – und vielleicht nur behaupten oder glauben, sie hätten die gleiche Erkrankung wie ich. Es gibt für mich ja keine Möglichkeit das zu Überprüfen.
Linkslastig. Natürlich ist Cluster nicht linkslastig – Oder doch?
Ich kenne linke und ich kenne rechte. Persönlich. Ich kenne auch welche, bei denen die Seite gewechselt hat. Seit vielen Jahren. Und natürlich tut es links genauso weh wie umgekehrt. Ein Wechsel kann verwirren, da man sich an „seine“ Seite in all den Jahren möglicherweise irgendwie gewöhnt hat.
Komische Frage.
Dachte ich.
Aber eine Frage.
Eine Frage, die sich nun mal jemand gestellt hat. Etwas, das jemanden beschäftigt hat.
Sie war geschrieben und ausformuliert. Mit Satzzeichen und so. Nicht auf dem Telefon während der Bahnfahrt zusammengestammelt. In dem Fall hätte ich die wohl gar nicht wahrgenommen.
Ist Cluster denn nun linkslastig, oder doch nicht.
Er ist einseitig. Das ist sehr deutlich so definiert und wird auch von allen mir bekannten Betroffenen so beschrieben. Wieso gibt es eigentlich keinen zweiseitigen Cluster? Wäre ja auch noch eine zumindest nicht unlogische Frage. Die habe ich aber noch nicht gesehen. Und mir selber auch nicht gestellt. Es ist halt so wie es ist.
Wenn ich es jetzt links habe, und du rechts. Tut es dann bei dir rechts genau so weh wie bei mir links?
Wieso frage ich mich das nicht? Andere sich aber schon. Das frage ich mich dann. Und bin tatsächlich nicht sofort drauf gekommen. Schlimmer noch. Ich hielt es anfangs für eine dumme und unnötige Frage.
Daher ja auch die einfühlsame spontane Reaktion darauf: „Hä?“
Wieso nun. Wieso fragt sich jemand, ich mich aber nicht.
Die Antwort ist erschreckend einfach: Ich bin fertig damit. Ich bin durch.
Ich mag mich tatsächlich nicht mehr in der Form über Kopfschmerzen unterhalten. Ich mag mich weiterhin informieren und bin ggf.  für Versuche und Experimente offen. Siehe Studienteilnahme hier: Opfer dich – Studienteilnahme. Aber ich bin fürs erste anscheinend mit allen elementaren Fragen durch. Manche davon sind vielleicht wirklich nicht besonders hilfreich, andere schon so einzementiert, das man es nur noch als Umstand sieht, und nicht mehr als Frage. So wie vielleicht den Umstand, das der Schmerz nur einseitig ist. Wieso ist das so? Ich weiss es nicht und habe es mich auch schon lang nicht mehr gefragt.
So wird aus dem „Hä?“ doch wieder ein leises „Ah!“.
Nicht zuletzt auch dank einer kürzlich erfolgten „Erdung“ im ganz realen Leben. Abseits des Cyberspaces. Jemandem gegenüberzustehen, bei dem die ersten Therapieversuche nicht so gut geklappt haben. Dazu ein bislang behandelnder Arzt, der mal wieder nur die Überschriften der Leitlinien gelesen hat.
Diesem Menschen ein Stück der Unsicherheit zu nehmen und im Gegenzug dafür ein Stück Hoffnung dazulassen – Das ist es letztlich wofür es das Buch gibt und dieses Blog dazu. Und wofür ich mich immer wieder zu Selbsthilfetagen aufmache um mir dort Kugelschreiber vom Tisch klauen zu lassen. Weil doch immer wieder mal ein Mensch dabei ist, dem es ähnlich geht, wie es mir einmal ging.

Es gibt zwar auch Menschen, die einfach nichts dazulernen und die über Monate oder gar Jahre immer wieder die gleichen Fragen stellen. Das ist dann tatsächlich nur ermüdend. Aber es gibt eben auch Menschen, die stellen andere Fragen als du selbst, weil Sie selbst nun mal an einer anderen Stelle stehen. Und dabei darf sich auch der Erfahrene durchaus auch auf den Unerfahrenen zubewegen.

Rafael Verfasst von:

Radfahrer, Bestsellerautor, Blogger und Yogi. Aber auch Besserwisser, Klugscheisser, Korinthenkacker, Haarspalter und Goldwaagenbesitzer. Darüber hinaus noch diplomierter Lippemüllsammler und auch sonst eher Idealist.

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.